„Wir warten erst mal ab, wohin das mit der KI läuft.“ Der Satz fällt in jedem zweiten Gespräch mit mittelständischen Geschäftsführern in Ostholstein und Umgebung. Meist direkt, bevor über Personalmangel, steigende Lohnkosten und die nicht besetzte Buchhalterstelle geklagt wird.
Abwarten ist eine legitime Strategie. Nur nicht bei einer Entwicklung, deren wirtschaftliche Wucht sich gerade zum ersten Mal ernsthaft berechnen lässt.
Vor zwei Wochen hat Roland Berger die Studie Humanoid Robots 2026 – The Convergence Moment for a New Market veröffentlicht. Kernaussage, die die Schlagzeilen machte: humanoide Roboter werden perspektivisch für rund zwei US-Dollar pro Stunde arbeiten. Die Zahl ist zugespitzt, aber die Richtung stimmt. Und sie trifft einen Mittelstand, der bei Digitalisierung und KI vielfach noch gar nicht angekommen ist.
Warum die Zwei-Euro-Meldung keine Panikmache ist – und trotzdem schief gelesen wird
Die zwei Dollar pro Stunde sind eine Modellrechnung von Roland Berger für das Jahr 2035. Sie gelten bei einem Roboterpreis von 20.000 bis 30.000 US-Dollar, bei skalierter Produktion, bei der Annahme, dass alle aktuellen technologischen Hürden bis dahin gelöst sind. In der Studie selbst steht, dass Roboterhände heute in industriellen Volumenanwendungen weniger als ein Jahr halten, bei den Aktuatoren noch Kostenreduktionen von 50 bis 90 Prozent nötig sind und die Software dem Hardware-Reifegrad drei bis fünf Jahre hinterherhinkt.
Realistisch wird ein Vollkostensatz inklusive Abschreibung, deutschem Strompreis, Wartung, Integration, Sicherheitszertifizierung und Versicherung eher bei acht bis fünfzehn Euro pro Stunde liegen, wenn die Technik ihr Versprechen hält. Die zwei Dollar sind Schlagzeile, keine Rechnungsgröße.
Trotzdem bleibt die Schere real. Deutsche Unternehmen haben 2024 laut Destatis durchschnittlich 43,40 Euro pro geleisteter Arbeitsstunde gezahlt. Damit liegt Deutschland auf Platz sieben in der EU, rund 30 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Selbst wenn die Personalkosten in den nächsten zehn Jahren durch Inflation, Abgabenerhöhungen und Fachkräftemangel „nur“ um 50 Prozent steigen, sprechen wir 2035 von rund 65 Euro pro Stunde im Produktionsbereich. Gegen einen Vollkosten-Roboter bei zehn Euro ist das ein Verhältnis von eins zu sechs.
Das ist kein Science-Fiction-Szenario. Das ist ein Kostenvorteil in der Größenordnung, wie ihn die Produktionsverlagerung nach Osteuropa und China in den 2000ern hatte. Nur diesmal spielt er sich nicht in Rumänien ab, sondern in der Fabrik des Wettbewerbers drei Kilometer weiter.
Die eigentliche Gefahr ist nicht der Roboter. Sie sitzt in der eigenen Struktur.
Aus meiner Praxis im norddeutschen Mittelstand zeigt sich regelmäßig: Wer heute keine sauberen Prozesse, keine strukturierten Daten und keine digitale Steuerung hat, wird beim Roboter genauso scheitern wie beim ERP-Rollout. Der Humanoide ist keine eigenständige Technologie. Er ist die physische Endstufe einer Kette, die vorher digital und organisatorisch funktionieren muss.
Diese Kette hat fünf Stufen:
- Prozessklarheit. Welcher Handgriff geschieht wann, von wem, mit welchem Ergebnis?
- Datenstruktur. Wo liegt welches Teil, wie heißt es, in welchem Format?
- Digitale Steuerung. ERP, MES, Lagerverwaltung, Auftragssystem – miteinander verbunden, nicht als Inseln.
- KI- und Agenten-Integration. Wiederkehrende Büroarbeiten laufen softwaregestützt.
- Physische Automatisierung. Cobots heute, Humanoide mittelfristig.
Ein Betrieb, der Stufe 1 bis 4 nicht sauber hat, kauft sich mit einem humanoiden Roboter das teuerste Pilotprojekt seiner Geschichte. Er bekommt eine Maschine, die nicht weiß, wo sie was hinbringen soll, weil die Daten das nicht hergeben. Das ist keine Hypothese. Das ist die Erfahrung aus jedem halbgaren Digitalisierungsprojekt der letzten zehn Jahre.
Der Konkurrenzdruck kommt nicht aus der Nachbarstraße
Ein häufiges Missverständnis: Der Mittelständler aus Ostholstein konkurriert in zehn Jahren mit dem Mittelständler aus Lübeck oder Kiel, der früher umgerüstet hat. Das ist die angenehme Version.
Die unangenehme Version: Der Konkurrenzdruck kommt aus zwei Richtungen gleichzeitig.
Aus China, wo 2025 rund 15.000 humanoide Roboter produziert wurden. Das ist das Dreißigfache der nordamerikanischen Produktion und das Hundertfünfzigfache der europäischen. China fährt eine Mengenstrategie: Roboter in kontrollierten Umgebungen wie Logistik und Unterhaltung einsetzen, Daten sammeln, Kosten durch Masse senken, iterieren. Das Ergebnis in fünf Jahren heißt nicht „bessere Technik als Boston Dynamics“, sondern „viermal günstiger als alle westlichen Anbieter“.
Aus den USA, wo allein in nordamerikanische Humanoid-Startups rund 3,8 Milliarden US-Dollar an Risikokapital geflossen sind. Die westliche Strategie setzt auf Software-Führerschaft: Foundation-Modelle, Vision-Language-Systeme, proprietäre Trainingsdaten. Das Ergebnis dürften weniger, aber generalistische Roboter sein, die sich breit einsetzen lassen.
Europa hat laut Roland Berger 2025 etwa 100 humanoide Einheiten produziert. Die Studie formuliert es höflich: Der Anschluss ist noch nicht verloren, muss aber entschlossen gehalten werden.
Definition: Physische KI Physische KI bezeichnet KI-Systeme, die nicht nur Text oder Bilder verarbeiten, sondern in der physischen Welt handeln – also Bewegungen, Greifen, Transport und Manipulation steuern.
Für den norddeutschen Mittelständler bedeutet das: In zehn Jahren konkurriert er nicht mit einem Nachbarbetrieb, der einen Roboter gekauft hat. Er konkurriert mit einem Produkt aus Shenzhen, das in einer humanoidbestückten Fabrik gefertigt wurde und zu einem Preis auf dem Markt ist, bei dem deutsche Handarbeit nicht mehr mithalten kann.
Was die 30 bis 40 Prozent tun sollten, die wollen und können
Nicht jeder Mittelständler wird diesen Übergang schaffen. Der Betrieb mit papierbasiertem Auftragswesen, Access 2010 im Hintergrund und einem 58-jährigen Inhaber, der in sieben Jahren verkaufen möchte, wird nicht zum Robotik-Betrieb. Das ist Strukturwandel. Unangenehm, aber normal.
Für die 30 bis 40 Prozent, die wollen und können, lässt sich ein realistischer Pfad zeichnen. Er braucht keine Milliardeninvestitionen. Er braucht Konsequenz in der Reihenfolge.
Jetzt, in den nächsten 12 Monaten: Struktur schaffen
Die Basis ist unspektakulär. Prozesse dokumentieren, Datenstrukturen aufräumen, Access- und Excel-Wildwuchs eindämmen, ERP und Warenwirtschaft sauber aufsetzen, GoBD-konform ablegen. Wer heute nicht sicher beantworten kann, wie viele Teile welcher Artikel wo liegen und welche Tätigkeit wie lange dauert, hat keine Grundlage, um mit KI oder gar Robotik etwas Sinnvolles anzufangen.
Das klingt nach 2005. Es ist aber der Stand, auf dem viele Betriebe 2026 tatsächlich stehen. Eine Access-Datenbank ohne Dokumentation ist kein Risiko. Sie ist bereits ein Schaden.
12 bis 36 Monate: KI und Agenten produktiv nutzen
Wer saubere Datenstrukturen hat, kann jetzt mit KI-Agenten arbeiten: Angebotswesen, Rechnungsprüfung, Kundenkommunikation, Disposition, Dokumentenauswertung. Die Technik ist verfügbar, die Amortisation oft unter zwölf Monaten. Wichtiger als der direkte Nutzen ist aber etwas anderes: Die Organisation lernt, in automatisierten Abläufen zu denken. Das ist die Voraussetzung für alles, was danach kommt.
Parallel: Cobots für einfache, repetitive Aufgaben. Verpacken, Etikettieren, Maschinenbestückung. Die Technik ist reif, die Anbieter sind bekannt, die Amortisation liegt typischerweise bei zwei bis vier Jahren. Das ist kein Zukunftsthema, sondern Gegenwart.
Drei bis sieben Jahre: erste humanoide Piloten
Wer 2028 bis 2030 einen humanoiden Roboter kauft, sollte keine Fachkraft ersetzen wollen. Roland Berger selbst ordnet autonome Montage als visionary use case ein – der lange Horizont. Realistisch sind dann klar abgegrenzte Aufgaben: Kommissionieren, Transport zwischen Lagerplätzen, Bestücken von Maschinen, Auspacken. Immer als Ergänzung bestehender Automatisierung, nicht als deren Ersatz.
Die Finanzierung wird voraussichtlich nicht als Kauf, sondern als RaaS – Robotics-as-a-Service – laufen. Monatsgebühr statt Investition. Das ändert die Kostenstruktur, macht den Einstieg finanzierbar und erzwingt gleichzeitig einen sauberen Cashflow und verlässliches Reporting. Wer heute nicht weiß, was seine einzelnen Prozesse kosten, kann einen RaaS-Vertrag nicht sinnvoll verhandeln.
Strategisch: Geschäftsmodell hinterfragen
Parallel zur Technik gehört die unbequemere Frage auf den Tisch: Welche Teile der eigenen Wertschöpfung sind in zehn Jahren noch verteidigbar? Reine Fertigung im Niedrigkomplexbereich eher nicht. Kundennahe Dienstleistung, Integration, Wartung, Konfiguration, Beratung eher schon.
Wer heute ausschließlich produziert und in zehn Jahren immer noch ausschließlich produzieren will, kommt automatisch in die Situation, mit Humanoid-Flotten und chinesischen Produktionskosten konkurrieren zu müssen. Wer dagegen jetzt beginnt, seinen Dienstleistungs- und Beratungsanteil auszubauen, stellt sich robuster auf.
Der laufende Personalabbau beginnt leiser als gedacht
Eine ehrliche Note zum Schluss, die im Jubel um Produktivitätsgewinne oft untergeht: Diese Entwicklung bedeutet laufenden Personalabbau. Nicht per Kündigungswelle, sondern durch Nichtnachbesetzung. Die Fachkraft, die in Rente geht, wird nicht ersetzt, sondern durch eine Kombination aus Prozessvereinfachung, KI-Agent und später Robotik kompensiert. In vielen Betrieben läuft das bereits.
Das ist betriebswirtschaftlich logisch und gesellschaftlich anspruchsvoll. Als Geschäftsführer hat man dabei eine doppelte Verantwortung: die eigene Firma wettbewerbsfähig zu halten – und die Belegschaft rechtzeitig auf Rollen vorzubereiten, die bleiben werden. Überwachung, Ausnahmebehandlung, Integration, Kundenkontakt. Der Meister der Zukunft führt keine zehn Schlosser, sondern überwacht fünf Roboter und zwei Ausnahmebearbeiter.
Und ja: Humanoide Roboter werden nicht nur in Fabriken stehen. Sicherheitsdienste, Logistik, Pflege, Militär – die Technologie ist vom Einsatzzweck agnostisch. Kampfroboter sind Teil dieses Entwicklungspfads, ob man das politisch gutheißt oder nicht. Das muss mitgedacht werden, weil es die geopolitische Dynamik beschleunigt: Wer dort investiert, investiert mittelbar auch in die zivile Stückzahl, die Kosten senkt.
Einschränkung: Niemand weiß, ob es genau so kommt
Die Zahlen von Roland Berger sind eine Modellrechnung, keine Prognose. Die Technik kann schneller reifen, als die Studie annimmt. Sie kann sich auch um fünf Jahre verzögern, wie es bei vergleichbaren Technologiewellen regelmäßig passiert ist – man erinnere sich an die selbstfahrenden Autos, die seit 2018 „in zwei Jahren flächendeckend“ kommen sollen. Regulierung, Haftungsfragen und Energiepreise sind Unbekannte, die den Zeitplan verschieben können.
Was sich aber mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen lässt: Die Richtung stimmt. Die Kostenschere zwischen menschlicher Arbeit und automatisierter Arbeit öffnet sich weiter. Ob es in zehn oder in fünfzehn Jahren soweit ist, macht für den Vorbereitungsaufwand keinen Unterschied. Die Vorarbeit ist in beiden Fällen dieselbe.
Was das für dich bedeutet, wenn du nicht selbst bauen willst
Als Mittelständler musst du weder Foundation-Modelle trainieren noch humanoide Prototypen entwickeln. Was du brauchst, ist ein klarer Blick auf deine eigene Struktur: Wo sind die Prozesse, die in fünf Jahren automatisiert laufen müssen? Wo liegen die Daten, ohne die das nicht geht? Welche Altsysteme blockieren die nächsten Schritte?
Diese Fragen lassen sich in überschaubarer Zeit beantworten, oft in wenigen Tagen Auftragsarbeit mit einem externen Blick. Die eigentliche Arbeit kommt danach – aber sie kommt in einer Reihenfolge, die finanzierbar ist, wenn man früh genug anfängt. Zehn Jahre abzuwarten und dann in Panik zu investieren, ist die teuerste aller Varianten.
Fazit
Die Zwei-Euro-Meldung ist zugespitzt. Die dahinterliegende Dynamik ist real. Wer jetzt Struktur baut, Daten aufräumt, KI-Agenten einführt und später gezielt Automatisierung dazuschaltet, ist 2035 handlungsfähig. Wer zehn Jahre abwartet, konkurriert am Ende mit einer Produktionslinie in Shenzhen. Das ist kein Kampf, den ein deutscher Mittelständler gewinnen wird.
Die gute Nachricht: Der erste Schritt kostet keine Millionen. Er kostet Ehrlichkeit über den eigenen Ist-Stand und eine Entscheidung, diesen Weg zu gehen.
Wer sich das einmal für den eigenen Betrieb sortieren lassen möchte: kostenloses Erstgespräch über sesoft.de/kostenloses-erstgespraech-sichern.
Quellen und weiterführend
- Roland Berger (April 2026): Humanoid Robots 2026 – The Convergence Moment for a New Market. content.rolandberger.com/hubfs/07_presse/Roland_Berger_Humanoid_Robots_2026.pdf
- Statistisches Bundesamt (2025): Arbeits- und Lohnnebenkosten 2024. Durchschnittliche Arbeitskosten in Deutschland 43,40 Euro pro Stunde.
- Roland Berger Pressemitteilung (15. April 2026): Arbeit für rund 2 Dollar pro Stunde: Humanoide Roboter als nächste Billionen-Dollar-Industrie. presseportal.de/pm/32053/6255617



