Herdenbericht: Das Projekt, das ich fast abgelehnt hätte

Es gibt Anfragen, bei denen man innerlich schon den Kopf schüttelt, bevor man die E-Mail zu Ende gelesen hat. Zu klein. Zu speziell. Zu wenig Budget. Oder einfach dieses leise Gefühl: Das wird eh nichts. Diese Anfrage war so eine. Und ich war kurz davor, sie genau so zu behandeln – höflich ablehnen, weitermachen, nächstes Schaf bitte.

Zum Glück habe ich mich dann doch kurz hingesetzt und genauer hingeschaut. Was dabei herausgekommen ist, hat mich mehr beschäftigt als so manches Großprojekt in den letzten Monaten. Und ja, ich habe dabei eine Lektion gelernt, die ich mir eigentlich schon längst hätte denken können.

Die Anfrage, die keiner haben will

Es war eine dieser Anfragen, die man in der Theorie mag, in der Praxis aber scheut: Ein kleines Unternehmen, gewachsene Strukturen, eine Access-Datenbank, die seit gefühlten zwanzig Jahren ihren Dienst tut, und der Wunsch, „irgendwie effizienter zu werden“. Kein klares Anforderungsdokument. Kein definiertes Budget. Nur ein Problem, das der Kunde selbst noch nicht ganz greifen konnte.

Als Schäfer kennt man das: Manchmal steht ein Schaf am Rand der Herde und man weiß nicht so recht, ob es einfach nur langsam ist oder ob es eine eigene Richtung einschlägt, die man noch nicht gesehen hat. Im Zweifelsfall lässt man es stehen und kümmert sich um die anderen.

Diesmal bin ich dem Rand-Schaf nachgelaufen.

Was ich stattdessen getan habe

Ich habe ein kurzes Erstgespräch angesetzt – ohne große Erwartungen, ohne vorbereitete Präsentation. Einfach zuhören. Und dabei ist etwas Interessantes passiert: Hinter dem diffusen „irgendwie effizienter“ steckte ein konkretes Problem, das der Kunde nur noch nicht in Worte fassen konnte. Eine manuelle Auswertung, die jeden Monat mehrere Stunden in Anspruch nahm. Daten, die an drei verschiedenen Stellen gepflegt wurden. Eine Mitarbeiterin, die jede Woche dieselben Schritte in derselben Reihenfolge ausführte – zuverlässig, aber unnötig aufwändig.

Das war kein vages Wunschdenken. Das war ein lösbares Problem. Und zwar eines, das sich mit einer kombinierten Lösung aus der bestehenden Access-Datenbank und einem einfachen automatisierten Workflow deutlich entschärfen ließ – ohne großen Aufwand, ohne neue Software, ohne Budgetwunder.

Am Ende war es eines der befriedigenderen Projekte der letzten Zeit. Nicht wegen der Komplexität, sondern wegen der Klarheit: Ein echtes Problem, eine pragmatische Lösung, ein Kunde, der danach weniger Zeit mit Datenpflege verbringt und mehr mit seinem eigentlichen Geschäft.

Was der Schäfer daraus gelernt hat

Die ehrliche Antwort lautet: Ich hätte das wissen müssen. Nicht jedes Projekt kündigt sich mit einem ausgefüllten Briefing und einem freigegebenen Budget an. Manchmal steckt das interessanteste Problem hinter der unscheinbarsten Anfrage.

Der Fehler liegt im ersten Urteil. Wenn man eine Anfrage zu schnell kategorisiert – zu klein, zu unklar, zu wenig Potenzial – dann schaut man gar nicht mehr richtig hin. Man sieht die Oberfläche und reagiert darauf, anstatt kurz zu fragen: Was steckt dahinter?

Als Schäfer würde man nie ein Schaf aus der Herde entlassen, nur weil es im ersten Moment nicht mitläuft. Man schaut nach, was los ist. Manchmal ist es tatsächlich nichts. Manchmal ist es genau das Tier, dem man am meisten Aufmerksamkeit schuldet.

Fazit: Das leise Klingeln vor dem Tor

Ich nehme aus dieser Woche vor allem eine Haltungskorrektur mit. Anfragen, die auf den ersten Blick unspektakulär wirken, bekommen bei mir künftig ein kurzes Gespräch, bevor ich eine Entscheidung treffe. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus dem schlichten Grund, dass ich dieses Projekt sonst nicht gemacht hätte – und das wäre schade gewesen.

Wenn die Anfragen bei Ihnen anklingeln und sich zunächst nicht ganz greifbar anfühlen: Manchmal lohnt es sich, kurz das Tor zu öffnen und nachzuschauen, wer da steht.

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