Letzte Woche rief mich ein Unternehmer an. Seine Frage war kurz: Kann ich meine Daten aus microtech Büro+ irgendwie lesbar sichern — für den Fall, dass mal etwas schiefgeht?
Die Antwort ist nicht einfach. Und die Frage selbst sagt mehr über den Zustand vieler KMU-IT-Landschaften aus als jede Studie.
Das Problem hat einen Namen: proprietäres Datenbankformat
microtech Büro+ speichert seine Daten in einem eigenen Format. Die Datenbank ist verschlüsselt. Wer keinen laufenden Softwarevertrag hat, kommt an seine eigenen Betriebsdaten nicht heran — nicht über Access, nicht über SQL Server, nicht über einen einfachen CSV-Export.
Das ist kein Vorwurf an microtech. Viele Branchenlösungen arbeiten so: Pervasive PSQL, Firebird, proprietäre Verschlüsselung. Das schützt die Software vor Nachbau. Es schützt aber nicht den Kunden vor dem Worst Case.
Aus meiner Praxis im norddeutschen Mittelstand zeigt sich: Die meisten Geschäftsführer wissen nicht, in welchem Format ihre Daten tatsächlich liegen. Sie wissen nur, dass die Software funktioniert — bis sie es nicht mehr tut.
Warum das 2025 relevanter ist als 2015
Die Insolvenzzahlen in Deutschland steigen seit 2023 deutlich. Das betrifft nicht nur Handwerk und Handel — es betrifft auch Softwareanbieter. Kleine und mittelgroße ERP- und Warenwirtschaftsanbieter haben oft schmale Eigenkapitaldecken, hohe Supportkosten und schrumpfende Kundenstämme durch den Druck großer Cloud-Plattformen.
Was passiert, wenn ein Softwareanbieter insolvent geht?
Der Insolvenzverwalter sichert Vermögenswerte — dazu gehört der Quellcode und die Lizenzstruktur. Ob du weiterhin auf deine eigenen Daten zugreifen kannst, hängt dann von Vertragsdetails ab, die die wenigsten je gelesen haben. Im schlechtesten Fall läuft die Lizenz aus, die Software startet nicht mehr, und deine Daten sind faktisch eingeschlossen.
Eine GoBD-konforme Aufbewahrungspflicht (§ 147 AO) von zehn Jahren für Buchführungsunterlagen gilt trotzdem. Das Finanzamt interessiert sich nicht dafür, ob dein Anbieter insolvent ist.
Was bei microtech Büro+ konkret möglich ist
microtech bietet in aktuellen Versionen ODBC-Zugriff und eigene Exportfunktionen — über die eingebauten Listenexporte, über Schnittstellen oder über direkte Datenbankabfragen, sofern die Zugangsdaten und Treiber vorliegen. Das ist der erste Ansatzpunkt.
Typischer Weg für eine vorsorgende Datensicherung in lesbarer Form:
- ODBC-Verbindung zu microtech einrichten (erfordert installierten Client und gültige Lizenz)
- Über SQL Server Linked Server oder Access-Verknüpfung regelmäßig Kerntabellen auslesen
- Ergebnis in eigene SQL-Server-Datenbank oder strukturierte CSV-Dateien schreiben
- Sicherung läuft automatisiert, unabhängig vom microtech-Client
Das Ergebnis: lesbare Kopien aller relevanten Stamm- und Bewegungsdaten — Kunden, Artikel, Belege, Bestände — in einem Format, das du ohne microtech öffnen kannst.
Wichtig: Das ist keine vollständige Migration. Es ist eine Notfallkopie. Der Unterschied ist relevant — eine Notfallkopie lässt sich lesen und auswerten, aber nicht ohne weiteres in ein Nachfolgesystem laden.
Wo der Ansatz an Grenzen stößt
ODBC-Zugriff setzt eine laufende, lizenzierte microtech-Installation voraus. Wer den Zugriff erst einrichten will, nachdem die Software nicht mehr startet, ist zu spät. Die Sicherungslösung muss im laufenden Betrieb aufgebaut werden — nicht im Krisenfall.
Außerdem gilt: Nicht alle Datenfelder sind über ODBC erreichbar. Dokumentenanhänge, intern gespeicherte Belege im Binärformat und historische Archivdaten können je nach Version und Konfiguration außerhalb des Zugriffs liegen. Das muss im Einzelfall geprüft werden.
Was das für dich als Geschäftsführer bedeutet
Du musst das nicht selbst bauen. Aber du solltest heute eine Frage stellen können: Wer in meinem Betrieb kann mir zeigen, wie wir im Notfall an unsere Daten kommen — ohne den Anbieter?
Wenn die Antwort ausbleibt oder lautet „das macht alles der Anbieter“, ist das ein Hinweis. Nicht auf ein technisches Problem — auf ein unternehmerisches Risiko.
Eine Notfallkopie in lesbarer Form ist kein großes Projekt. In der Regel sind es zwei bis drei Tage Arbeit, um einen automatisierten Auszug aufzusetzen. Was danach bleibt, ist Ruhe — und eine Antwort auf die Frage, die der Unternehmer letzte Woche gestellt hat.
Wer das einmal durchleuchten lassen möchte, erreicht mich über sesoft.de/kontakt.
Quellen
- Statistisches Bundesamt: Unternehmensinsolvenzen Deutschland 2023–2025, destatis.de
- Abgabenordnung §147 AO: Aufbewahrungsfristen für Buchführungsunterlagen
- GoBD (BMF-Schreiben vom 28.11.2019): Grundsätze zur ordnungsmäßigen Führung und Aufbewahrung von Büchern
Über den Autor
Sönke Schäfer berät seit über 25 Jahren norddeutsche KMU bei Datenbankarchitektur und der Anbindung von Branchensoftware an eigene Datenstrukturen. Sein Schwerpunkt liegt auf pragmatischen Lösungen rund um Microsoft Access und SQL Server — insbesondere dort, wo Standardsoftware endet und betriebliche Realität beginnt.


