„Lohnt sich nicht mehr. Die Reichweite auf LinkedIn ist doch eingebrochen.“ Diesen Satz höre ich von Freunden, Kunden und Kollegen, sobald ich sie zum Posten überreden will. Sie haben recht. Und trotzdem stehen in meiner Statistik 328.206 Impressionen aus den letzten zwölf Monaten. Ohne einen Euro Werbebudget.
Wie passt das zusammen? Das ist die Frage, um die es hier geht. Und die Antwort ist die beste Begründung, warum du als Unternehmer, Freelancer, Experte oder Führungskraft auf LinkedIn posten solltest.
Das LinkedIn-Paradox: weniger Reichweite pro Post, mehr Reichweite pro Jahr
Die schlechte Nachricht zuerst. Richard van der Blom, der seit Jahren die größte unabhängige Studie zum LinkedIn-Algorithmus veröffentlicht, hat für seinen Report 2025 rund 1,8 Millionen Beiträge ausgewertet. Ergebnis: 50 % weniger Aufrufe, 25 % weniger Interaktionen und 59 % langsameres Follower-Wachstum im Jahresvergleich. Die mittlere Reichweite eines Beitrags liegt heute bei 6 bis 8 % der eigenen Follower.
Das klingt nach einem Grund, es zu lassen. Ist es aber nicht. Denn in diesen Zahlen stecken zwei verschiedene Größen, die ständig verwechselt werden.
Reichweite pro Beitrag ist das, was LinkedIn dir unter jedem Post anzeigt. Diese Zahl ist gesunken.
Reichweite pro Jahr ist die Summe aller Menschen, die deinen Namen und deine Themen gesehen haben. Diese Zahl bestimmst du selbst, über die Anzahl deiner Beiträge.
Die Reichweite pro Beitrag ist gesunken. Die Reichweite pro Jahr hängt davon ab, wie oft du würfelst.
Meine Zahlen nach drei Jahren werktäglichem Posten
Ich poste seit 2023 an jedem Werktag auf LinkedIn, von Hand und mit KI-Unterstützung. Das sind inzwischen rund 1.000 Beiträge, vor allem zu Microsoft Access, SQL Server, KI und IT im Mittelstand. Die Statistik der letzten zwölf Monate:

- 328.206 Impressionen, 22 % mehr als im Vorjahr, obwohl die Plattform insgesamt Reichweite verloren hat
- 156.553 erreichte Mitglieder
- 87 % der Impressionen kamen von außerhalb meines Netzwerks, nur 13 % von Kontakten und Followern
- 1.754 Interaktionen, davon 534 Kommentare und 115 gespeicherte Beiträge
Interessanter als die Summe ist ihre Verteilung. Drei Beiträge haben zusammen rund 160.000 Impressionen gebracht, also fast die Hälfte des ganzen Jahres:
| Beitrag | Impressionen |
|---|---|
| Kontaktformular um 21:47 Uhr: automatische Erstantwort mit Outlook, Access und KI | 77.226 |
| Neues Handy, Authenticator weg, niemand kommt mehr in Microsoft 365 | 57.308 |
| Bitcoin an der 100-Wochen-Linie | 25.585 |
Der Rest verteilt sich auf rund 250 Beiträge. Die meisten liegen im dreistelligen Bereich, meine drei letzten bei 76, 140 und 269 Impressionen.
Aus meiner Erfahrung lässt sich vorher nicht sagen, welcher Beitrag durchgeht. Den Kontaktformular-Beitrag hätte ich nicht für meinen stärksten gehalten. Erkennbar ist nur ein Muster: Die Treffer beschreiben einen Alltagsschmerz, den auch Nicht-ITler sofort verstehen. Der beste reine Fachbeitrag war „Wird Access abgeschafft?“.
Auf LinkedIn entscheidet nicht der einzelne Beitrag über die Jahresreichweite, sondern die Handvoll Treffer unter vielen Versuchen.
Warum mehr Beiträge trotz sinkender Reichweite wirken
Van der Blom rechnet das in seinem Newsletter vom 8. November 2026 an einem Beispiel vor. Ein Creator mit 25.000 Followern postet täglich und erreicht im Schnitt 2.000 Aufrufe pro Beitrag, also 14.000 pro Woche. Er steigert auf zwei Beiträge am Tag. Die Reichweite pro Beitrag fällt auf 1.600, ein Minus von 20 %. Wer nur auf die Statistik unter dem einzelnen Post schaut, hört an dieser Stelle auf.
Die Wochenbilanz sieht anders aus: 14 Beiträge mal 1.600 ergeben 22.400 Aufrufe, 60 % mehr als vorher. Mehr Menschen sehen seinen Namen und seine Angebote. Van der Bloms Fazit: Bewerte die Woche als Ganzes, nicht den einzelnen Beitrag.
Dazu kommt eine neue Abstandsregel aus seinem November-Update. Zwei Beiträge, die weniger als zwölf Stunden auseinanderliegen, konkurrieren um dieselben Leser und behalten jeweils nur etwa 84 % ihrer Reichweite. Ab zwölf Stunden Abstand sind es rund 95 %. Früher galt ein Abstand von 24 Stunden.
Der zweite Grund, warum sich Posten lohnt, ist die fehlende Konkurrenz. LinkedIn hat 1,4 Milliarden Mitglieder. Nur 1,4 % davon posten regelmäßig, fast 30 % haben noch nie einen Beitrag veröffentlicht. Laut van der Blom bringt dich schon ein solider Beitrag im Monat vor 90 % deiner Kollegen.
Der dritte Grund steht in meiner eigenen Statistik. 87 % meiner Impressionen kamen von Menschen, die mir nicht folgen. LinkedIn verteilt Beiträge heute nach Themen, nicht mehr nur entlang deiner Kontakte. Ein kleines Netzwerk ist deshalb kein Hindernis mehr.
Die übliche Empfehlung lautet „Qualität statt Menge“. Ich halte das für eine falsche Alternative. Qualität entsteht durch Übung, und Übung entsteht durch Menge. Meine Treffer sind aus der Routine entstanden, nicht aus dem einen perfekt geplanten Beitrag.
Was Posten auf LinkedIn geschäftlich bringt
Reichweite allein bezahlt keine Rechnung. Die Frage ist, wer mitliest. Und da sind die Zahlen eindeutig.
Laut dem B2B Thought Leadership Impact Report von Edelman und LinkedIn halten 73 % der Entscheider gute Fachbeiträge für eine verlässlichere Grundlage, einen Anbieter zu beurteilen, als Prospekte und Werbematerial. 2019 waren es noch 59 %. Besonders wichtig sind die stillen Mitleser: Leute, die bei einer Kaufentscheidung mitreden, aber nie mit dem Vertrieb sprechen. 95 % von ihnen sagen, dass gute Fachbeiträge sie offener für eine Kontaktaufnahme machen.
Für kleine Anbieter ist eine weitere Zahl entscheidend: 53 % der Entscheider sagen, dass die Bekanntheit einer Marke weniger zählt, wenn die Fachbeiträge stark sind. Wer als Einzelberater gegen große Namen antritt, kann über Inhalte aufholen.
Meine Erfahrung deckt sich damit. Aus meinen Beiträgen sind etliche Erstgespräche und einige Aufträge entstanden, darunter ein Mandat, das mehrere Monatsumsätze abdeckt. Die Likes kamen dabei fast nur von Fremden, kaum von langjährigen Kunden oder Freunden. Das ist kein Mangel. Bestandskunden kennen dich schon. LinkedIn ist für die Leute, die dich noch nicht kennen.
Noch ein Grund, der nicht in Reichweiten-Statistiken auftaucht: KI-Systeme wie ChatGPT zitieren LinkedIn-Inhalte inzwischen sehr häufig, wenn jemand nach Anbietern oder Fachfragen sucht. Das habe ich im Mai ausführlich beschrieben: Warum dein Marketing-Budget am falschen Ort verbrennt und LinkedIn dich gerade kostenlos retten könnte.
Und für Introvertierte wie mich gilt: LinkedIn ist Akquise, ohne auf Netzwerkveranstaltungen Visitenkarten zu verteilen. Du schreibst morgens einen Beitrag. Wer ihn passend findet, meldet sich.
Wie du auf LinkedIn mit dem Posten anfängst
Vorweg die wichtigste Frage, die van der Blom stellt: Wofür postest du? Ein Berater, der wenige große Projekte verkauft, braucht eine Handvoll richtiger Gespräche. Eine Führungskraft will als Experte gefunden werden, von Headhuntern oder der eigenen Geschäftsleitung. Ein Creator braucht Reichweite in der Breite. Das Ziel bestimmt den Rhythmus.
Für die meisten Unternehmer und Experten funktioniert dieser Einstieg:
- Poste über dein persönliches Profil, nicht über die Firmenseite. Firmenseiten hat der Reichweitenrückgang am stärksten getroffen. Menschen folgen Menschen.
- Fang mit zwei bis drei Beiträgen pro Woche an, die du durchhältst. Der Schritt von einem auf zwei oder drei Beiträge ist laut van der Blom der größte Hebel. Konstanz über Monate schlägt Spitzen in einzelnen Wochen.
- Gib jedem Beitrag eine Aufgabe. Expertise zeigen, ein Problem benennen, eine Frage stellen. Ein Beitrag, der nur einen Termin im Kalender füllt, bringt nichts.
- Schreib über Probleme, die du letzte Woche gelöst hast. Konkrete Fälle mit Zahlen schlagen allgemeine Tipps. Was jeder mit ChatGPT schreiben kann, geht in der Masse unter.
- Bleib zwei Stunden nach dem Posten erreichbar. Antworte auf Kommentare. Posten und abtauchen kostet laut van der Blom mehr Reichweite als zu häufiges Posten.
- Kommentiere bei anderen. Gerade am Anfang bringt ein guter Kommentar unter einem fremden Beitrag oft mehr Sichtbarkeit als ein eigener Post.
- Setz keine Links in den Beitrag. Ein externer Link senkt die mittlere Reichweite um knapp 19 %. Auch Links im ersten Kommentar werden inzwischen gedrosselt.
Wer schon täglich postet und mehr will, kann auf zwei Beiträge am Tag gehen. Dann aber mit mindestens zwölf Stunden Abstand, also zum Beispiel 7 Uhr und 19 Uhr.
Wo das an Grenzen stößt
Impressionen sind keine Kunden. Von meinen 328.206 Impressionen sind 1.754 Interaktionen übrig geblieben, gut ein halbes Prozent. Daraus wurden einige Gespräche und wenige Aufträge. Wer LinkedIn als Klickmaschine betrachtet, wird enttäuscht.
Es dauert. Die ersten Monate sind zäh, und die Treffer kommen unregelmäßig. Wer nach sechs Wochen aufhört, hat nur den mühsamen Teil erlebt.
Die Regeln ändern sich. LinkedIn hat seinen Algorithmus in den letzten Jahren mehrfach umgebaut, und die Zahlen dieses Artikels gelten für 2026. Die Studien stammen zudem überwiegend von Beratern, die selbst LinkedIn-Schulungen verkaufen. Eine eigene Website bleibt deshalb Pflicht. Sie ist der einzige Kanal, den dir niemand wegnehmen kann.
Und es kostet Zeit. Ich brauche mit KI-Unterstützung etwa [X Minuten, bitte eintragen] pro Beitrag. Das ist weniger als jede Messe, aber nicht nichts.
Fang diese Woche mit einem Beitrag an
Wenn du bisher nicht postest, weil die Reichweite angeblich eingebrochen ist: Schreib diese Woche einen einzigen Beitrag über ein Problem, das du kürzlich gelöst hast. Konkret, mit einer Zahl, ohne Link. Und dann nächste Woche den zweiten.
Wer dabei Hilfe beim Sortieren der eigenen Themen möchte, erreicht mich über das kostenlose Erstgespräch.
Quellen
- Richard van der Blom: „#81 How often should you post? Not what you expected“, LinkedIn-Newsletter, 8. November 2026. linkedin.com
- The State of Brand: Zusammenfassung des Algorithm Insights Report 2025 von Richard van der Blom (1,8 Mio. Beiträge). thestateofbrand.com
- Melanie Goodman: „LinkedIn Algorithm 2026“, zu Links im Beitrag und in Kommentaren. substack.com
- Whitehat SEO: Edelman-LinkedIn B2B Thought Leadership Impact Report, 73 % gegenüber 59 % im Jahr 2019. whitehat-seo.co.uk
- Suntec India: Edelman-LinkedIn-Report 2025, 95 % der stillen Entscheider. suntecindia.com
- ALM Corp: Edelman-LinkedIn-Report, 53 % zur Markenbekanntheit. almcorp.com
- EnterpriseZone: Richard van der Blom zu Kommentaren statt eigener Beiträge. enterprisezone.cc
Über den Autor
Sönke Schäfer berät seit über 25 Jahren norddeutsche KMU bei Datenarchitektur, Microsoft Access und SQL Server. Seit 2023 postet er als „Datenschäfer“ an jedem Werktag auf LinkedIn, inzwischen rund 1.000 Beiträge. Sitz in Sierksdorf, Ostholstein.


